Allerheiligen
Es ist Spätnachmittag, Nebel zieht auf und kriecht durch die Grabsteinarmee. Die kleinen roten Lichter überall auf dem Friedhof geben mir ein wohlig friedliches Gefühl, während ich in Richtung Grab meines Großvaters gehe. In den Nachrichten kam zu jeder Stunde die Meldung: “Katholiken auf der ganzen Welt gedenken heute Ihrer Verstorbenen und besuchen Grabstätten und Friedhöfe … ” So auch ich. In meiner Tasche habe ich eine Kerze und eine Packung mit Räucherstäbchen, die ich auf dem Grab meiner Vorfahren entzünden möchte – eine Angewohnheit, die ich aus meiner Zeit in Vietnam mitgebracht habe. Ich knirsche auf einem langen Kiesweg dahin, als mir plötzlich ein bekannter Geruch in die nase steigt. Es riecht nach Tempel, nach Vietnam. Rauchstäbchen! Jemand anderes scheint ebenfalls diese Angewohnheit zu haben. Ich folge dem Geruch und entdecke hinter einer Hecke ein Grab, sehe die kleinen glühenden Stäbchen und frische Lotusblüten. Jemand muss kurz zuvor hier gewesen sein. Ich umgehe die Hecke und nähere mich dem Grab. Der Name des Verstorbenen ist Nguyen K. D… , ein vietnamesischer Name, auf einem Münchener Friedhof. Dann lese ich das Datum seiner Geburt und seines Todes. Er ist im selben Jahr wie ich geboren und erst Anfang diesen Jahres gestorben, gerade mal 30 Jahre alt.
Ich entzünde 3 Stäbchen und stecke sie in die Erde. Wer war das wohl? Wie ist seine Geschichte? Und was hab ich damit zu tun? Warum bin ich jetzt hier? Was hat das zu bedeuten?
Mit diesen Fragen im Kopf gehe ich weiter zu meines Großvaters Grab, kann es kaum finden in der Dunkelheit.
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- Veröffentlicht:
- November 3, 2008 / 00 : 21
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